Worthülse

by Steffi posted 13. April 2012 category Allgemein

Nach ihrem ersten Tag im Grace House fehlten Rakas die Worte. Sie legte sich auf ihr Bett, unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen oder aber zu verstehen, wie sie sich fühlte. Vor Erschöpfung schlief sie ein und wachte gerade noch rechtzeitig auf, um ihre Wäsche von der Wäscherei ‚Laundry at Home‘ abzuholen. Dort übernahmen Waschmaschinen im Gegensatz zu Frauenhänden, wie dies bei den meisten Wäschereien hier der Fall war, die Reinigung der abgegebenen Kleidungsstücke und so kamen die durch die Trockenzeit extrem eingestaubten und durch die Hitze äußerst verschwitzten T-Shirts in tadellosem Zustand zurück. Pro Kilo Wäsche bezahlte man ohne Bügeln einen US-Dollar. Als Rakas zurück in Thida’s House war, wartete bereits zusammen mit einem Mango Shake die vegetarische Version der ‚Cambodian Curry Soup‘ auf sie. Wenige Tage nach ihrer Ankunft in Siem Reap hatte Rakas ihre Ernährungsgewohnheiten geändert und beschlossen, fortan auf tierische Lebensmittel zu verzichten. Anlass war der Besuch diverser Märkte und die Gewahrwerdung jener Verkaufsflächen für Fleisch und Fisch. Auf Tischen lagen dort bei brütender Hitze offene Fleischwaren, die sich in ungewohnten Rottönen und mit unangenehmen Geruch zum Verkauf präsentierten. Die diversen Tierkadaver wurden von verschiedenen fliegenden Lebewesen belagert, welche Marktfrauen mit an Stöcken befestigten Plastiktüten zu vertreiben versuchten. Ein wildes, nicht sehr effektives Rumgefuchtel zwischen frisch geschlachteten Schweineköpfen und noch lebenden Fischen und so hatte Rakas damals beschlossen, sich dem Fleisch- und Fischverzehr vorerst zu entsagen. Angesichts der Gemüsevielfalt des Landes fiel ihr dies allerdings nicht schwer. Während Rakas die leicht scharfe Suppe zu sich nahm und spürte, wie ihr Körper langsam wieder zu Kräften kam, versuchte sie, den Erlebnissen des Tages noch einmal zu begegnen und auf diese Art ihre Gedanken sowie Gefühle zu ordnen.

Grace House, die Organisation, die Rakas die nächsten 6 Wochen unterstützen würde, war grundsätzlich ein angenehmer Ort – geräumig und liebevoll ausgestattet, dem unterschiedlichen Alter der Kinder angepasst. Die im November 2008 durch eine britische Wohltätigkeitsorganisation gegründete ’non religious, non political registered Cambodian Non Government Organisation‘ befand sich 4 Kilometer außerhalb von Siem Reap und unterstützte dort drei umliegende, sehr arme Dörfer, die hauptsächlich vom Fischhandel oder der Landwirtschaft lebten. Die Eltern einiger Kinder hatten einen Marktstand, wenige verdienten den Familienunterhalt durch Tuk-Tuk-Fahrten oder sammelten Müll. Die Kinder, die neben der Schule häufig den Eltern auf dem Feld helfen mussten, schienen diesen Ort gerne aufzusuchen. Der Unterricht galt als Zusatz zu der staatlichen Schule, d.h. Kinder, die diese vormittags besuchten, erschienen nachmittags im Grace House während Kinder, die nachmittags zur staatlichen Schule gingen, vormittags auftauchten. Es konnte vorkommen, dass bedingt durch Erntearbeit auf dem Feld oder sonstige Arbeit einige Kinder ein paar Tage lang gar nicht oder aber extrem erschöpft im Grace House erschienen. Gerade diesen Kinder wollte Grace House einen Ort zur Verfügung stellen, an welchem sie Kinder sein konnten und gleichzeitig gefördert wurden. Denn Bildung war hier wichtigstes Gut, um der Armut zu begegnen. Die Anlage der Organisation bestand aus einem Hauptgebäude, welches Büro und Bibliothek beherbergte und vereinzelten, überdachten, aber zu den jeweiligen Seiten offenen Pavillons, die als Klassenzimmer dienten. Ein Computerraum stellte gespendete Laptops und Internetzugang zur Verfügung, für die Ausbildung zum Elektriker gab es einen Pavillion, ebenso für Metall- und Holzbearbeitung und für die Herstellung von Webereierzeugnissen. In einem nach kambodschanischer Weise gebauten Holzhaus mit Strohdach wurden Pilze in allerlei Plastikflaschen herangezüchtet, die auf Märkten verkauft wurden und so eine kleine zusätzliche Einnahmequelle für Grace House darstellten. Als Rakas die sich in unterschiedlichen Schimmelstadien befindenden Inhalte jener Plastikflaschen betrachtete und allerlei Insekten darin rumkriechen sah, entschied sie spontan, derartige Pilze auch eher von ihrem Speiseplan zu streichen. Rakas war erleichtert als sie hörte, dass diese Pilze relativ hochwertig waren und nicht als Zutat bei beliebigen Speisen auftauchten. Der Besichtigung der Anlage folgte schließlich ein ausführliches Gespräch mit Bridget, einer pensionierten Britin, die Grace House seit Gründung zusammen mit ihrem Mann leitete. Rakas wunderte sich, als diese ihr das Formular bezüglich der Rechte sämtlicher Fotos, die sie von den Kindern machen würde, entgegenstreckte. Dieses Formular verbot, die Fotos in irgendeinem politischen Kontext oder Zusammengang mit Menschenrechtsorganisationen zu veröffentlichen. Die harte Formulierung begründete Bridget mit einem kürzlich verabschiedeten Gesetz der Regierung, wonach diese jederzeit und ohne Grund eine NGO schließen lassen konnte. Um dies weitestgehend zu verhindern, präsentierte sich Grace House so wenig politisch engagiert wie irgendwie möglich. Rakas war empört über die Möglichkeiten der Regierung, da hier in Kambodscha viele NGOs Aufgaben übernahmen, die eigentlich in der Verantwortung der Regierung lagen. Der weitere Verlauf der Unterhaltung mit Bridget erwies sich als große Herausforderung. Mit leicht zittriger, sehr hoher Stimme redete die Britin größtenteils unzusammenhängend und unstrukturiert, ließ sich leicht von herumtollenden Kindern ablenken und verlor dabei immer wieder den Faden. Auffällig war ein gewisser Widerspruch zwischen Bridgets sprachlichen Signalen – durchaus geprägt von Nettigkeiten – und ihren nichtsprachlichen Signalen. Neben ihrer Körpersprache sowie ihrem Augenkontakt gab insbesondere ihre Art und Weise des Sprechens Aufschluss über ihren Charakter. Ihre Stimmlage, ihre Artikulation, ihre Lautstärke, ihre Sprachmelodie, ihr Sprechtempo und ihre Sprechpausen – all jene Merkmale deuteten auf eine Unberechenbarkeit und Unbeherrschtheit hin, was dazu führte, dass Rakas Bridgets Nähe nicht unbedingt als angenehm empfand. Es lag etwas von einer trügerischen Freundlichkeit in der Luft.

Bruchstückhaft stellte sich heraus, dass Bridget zwar unbedingt eine Fotografin als Volontärin haben wollte, aber keinerlei Vorstellung davon hatte, was sie mit einer solchen anfangen könnte. Was immer du möchtest, war die Antwort auf Rakas‘ Frage, was denn ihre Aufgabe an diesem Ort wäre. Enttäuscht über diese Desorganisation versuchte Rakas, ihr auf anderer Ebene zu begegnen und informierte sich, ob Grace House denn neue Fotos für die Website benötigte. Zu ihrem Erstaunen verneinte Bridget dies, da erst kürzlich ein Volontär aktuelle Fotos gemacht hatte. An dieser Stelle bestand kein Bedarf. Rakas war überrascht. Von Annemarie, der Leiterin ihrer Organisation, die für die Platzierung der Volontäre vor Ort zuständig war, hatte sie gehört, dass viele NGOs Fotos zu ihren Projekten brauchten für Internetauftritte, Spendenaufrufe und Newsletter sowie als Nachweis für Unterstützer und Geldgeber. Keine dieser NGOs hatte allerdings Bedarf für die kompletten eineinhalb Monate geäußert mit Ausnahme von Grace House und so war Rakas dieser Organisation zugeordnet worden. Hier war sie nun für die kommenden Wochen an einem Ort, wo eine Fotografin nicht unbedingt erforderlich war während andere Organisationen, die dringend Hilfe benötigten, leer ausgingen. Rakas konnte den Sinn ihrer Volontärtätigkeit an diesem Ort nicht erkennen. Bridget, die von Rakas‘ Verwirrung keinerlei Notiz nahm, schlug schließlich vor, sie sollte die erste Woche erst einmal ein Gefühl für die Kinder bekommen, indem sie den Unterricht verschiedener Klasse besuchte und sich dann im Anschluss überlegen, was sie während ihrer Zeit im Grace House machen könnte. Dem leistete Rakas an jenem Montag nun Folge. Während sie als stummer Zuschauer dem Unterricht verschiedener Klassen mit Kindern in unterschiedlichem Alter beiwohnte, spürte sie, wie sich ein unangenehmes Gefühl in ihr ausbreitete. Es war ein Gefühl, das sich als leise Vorahnung getarnt hatte und eine Art Vorgeschmack auf ihre Zeit im Grace House offenbarte. Mit Anmut, Grazie und Liebreiz würde diese Zeit nichts zu tun haben, das ahnte Rakas, als sie an diesem Abend zu Bett ging.

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