Tränentropfen-Falterfisch

by Steffi posted 8. April 2012 category Allgemein

Rakas war am vorläufigen Tiefpunkt ihrer Reise angelangt. Sie hatte einmal zu lange in einen der unzähligen Spiegel in ihrem Hotelzimmer in Seoul geschaut und mochte nicht, was ihr entgegenblickte. Um ehrlich zu sein, hasste sie, was sie als Reflexion ihrer Selbst wahrnahm. Sie hasste jede einzelne Zelle ihres Körpers, die Hülle, die diesen umgab, sie hasste ihre Gedanken, ihre Gefühle, alles. Der Wunsch danach, vieles von ihrem gedanklichen Grundgerüst zu vernichten, war unerträglich groß. Konnte sie sich bei ähnlichen Situationen bisher immer noch am eigenen Haarschopf aus dem kalten Sumpf der schmerzlichen Verstimmung ziehen, so war dies an jenem Freitagabend in Seoul nicht mehr möglich. Die Packung Kosmetiktücher auf ihrem Nachttisch war nach kurzer Zeit aufgebracht und blickte Rakas ausgehöhlt entgegen. Wütend darüber, die Tränen der Verzweiflung folglich nicht mehr behutsam auffangen zu können, schleuderte sie die leere Packung auf den Boden. Ihr Herz hatte eine unerklärliche Kälte. Rakas fuhr mit dem Finger an den Kanten und Bruchstellen ihrer Persönlichkeit entlang. Sie wollte sich aus sich selbst vertreiben oder zumindest dem unerträglichen Schmerz entkommen. Aber wie war dies möglich, wenn alte Wunden statt zu heilen wieder und wieder aufplatzten? Wie dringend brauchte sie frische Luft. In ihrem Hotelzimmer im 15ten Stock war es nicht möglich, ein Fenster zu öffnen. Sich runter in die Lobby begeben, um dort vor das Hotel zu treten und somit frischer Luft ausgesetzt zu sein, konnte sie in ihrem Zustand unmöglich. Sie wollte keine Menschenseele sehen. Sie wollte die graue und trostlos wirkende Hauptstadt Südkoreas nicht erleben, in der sie sich so verloren fühlte, so wenig verstanden. Rakas war gezwungen, in diesem unliebsamen Zimmer der Ortlosigkeit zu verweilen und sich selbst zu begegnen.

Sie schaute sich um. Zwei Kingsize-Betten mit Nachttisch und Nachttischlampe waren hier, eine Stehlampe neben einem Sessel und kleinen Steintisch, ein Schreibtisch mit Schreibtischlampe und Bürostuhl, ein Sideboard mit großem LCD-Fernseher, ein Schrank und eine Mini-Bar-Ecke. All diese Einrichtungsgegenstände waren zweifelsohne präsenter als Rakas. Alles in dieser Stadt war präsenter als Rakas – die zahllosen, sich gleichenden, grauen Hochhäuser, die mit Autos in stets gleichen Farben verstopften Straßen, die Irrgarten der anonymen Menschenmassen. Nichts davon hatte ein Gesicht, eine Identität, ein Herz. Es schien Rakas, als wäre der Irrglaube dieser Wertewelt, dass sich Gemeinwohl einstellte, wenn jeder nur seine privaten Interessen bestmöglich verfolgte. Denn das taten hier die Weltbewohner. Kleine Momente des Glücks fielen dem großen Machtstreben zum Opfer. Die Sucht nach Erfolg und Ansehen im gewaltigen Rad der ständigen Bewegung und täglichen Zerstreuung verengte den Horizont jedes Einzelnen und kreierte eine teilnahmslose Masse selbstbezogener, arbeitswütiger Roboter. Es war Rakas nicht möglich, einen Platz in einem solchen Labyrinth ungesunder Wertvorstellungen zu finden. Sie verlor ihr Bezugssystem und damit im Laufe der Woche schließlich sich selbst. Als sie an jenem Freitagabend, als ihr Körper durch Schlaflosigkeit und Stress am schwächsten war, schonungslos auf sich selbst zurückgeworfen wurde, klebten die Überreste jener Wertewelt, die sie so verachtete, bereits an ihrem Körper.

Die Klimaanlage rauschte unaufhörlich. Alles unter Rakas‘ Füßen begann zu schwanken. Es fühlte sich an als wäre das Fundament ihrer gesamten Existenz brüchig. Rakas suchte verzweifelt nach Halt, aber nichts und niemand war da, um sie zu stützen. Sie fiel und zerfiel – die ganze Nacht hindurch. Auch am nächsten Morgen hatte sie noch immer keinen Boden unter den Füßen. Als Rakas am Flughafen von Seoul auf ihren Abflug zurück nach Siem Reap wartete, versuchte sie unter Tränen zu verstehen, weshalb sie derart ins Schwanken geraten war und den Halt verloren hatte. Wo war ihre tragende Struktur und aus welchem Grund bot diese nicht ausreichend Stabilität und Sicherheit? Passten ihr Fundament und ihr Lebensgebäude vielleicht nicht zusammen? Waren die massiven Träger ihres Lebens Wertesysteme, Meinungen und Annahmen, mit denen sie sich nicht identifizieren konnte und war folglich alles, was sie darauf gebaut hatte, instabil? Oft hatte sie die einzelnen Räume ihres Lebensgebäudes in Frage gestellt, die dort lebenden Bewohner – Familie, Freunde, Beziehung, Beruf, Lebenseinstellung, gesellschaftliche und politische Standpunkte. Sie war bisher davon ausgegangen, dass ihr Lebensgebäude schwankte, weil die dortigen Bewohner sich veränderten, eine Herausforderung darstellten, unangepasst waren oder einfach nicht in Erfüllung lebten. Aber vielleicht war der einzige Grund für das Schwanken ihres Lebensgebäudes das Fundament, welches aus Grundsätzen bestand, mit denen sie nicht leben konnte und nicht leben wollte. Es war an der Zeit, dass Rakas das Schwanken und all diese Fragen ernst nahm, dass sie Verantwortung für ihr Leben übernahm. Vielleicht müsste sie ihr gesamtes Lebensgebäude neu konstruieren und ihre Stellung zur Welt sowie zu sich selbst neu definieren. Als das Flugzeug abhob, überlegte sich Rakas, wie sie sich einer solch ungeheuren Aufgabe stellen konnte? Wo sollte sie anfangen, wo sollte sie besser aufhören? Erschöpft schlief sie ein und wachte erst wieder auf, als das Flugzeug am Siem Reap International Airport zur Landung ansetzte. Sie hoffte, dass sie bei Betreten kambodschanischer Erde langsam wieder Boden unter den Füßen spüren würde.

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