Tonlé Sap

by Steffi posted 12. März 2012 category Allgemein

Tonlé Sap war eine bizarre Welt aus touristischem Voyeurismus und absurder Massenabfertigung. Bei dem für alle neuen Volontäre verpflichtenden Ausflugsziel an jenem Sonntag vor Rakas‘ Abflug nach Taipeh handelte es sich um den größten See Südostasiens, der mehreren schwimmenden Dörfern ein Zuhause bot. Entlang des Siem Reap Flusses mit seinen malerisch überdachten Brücken, verträumten Wasserrädern, kleinen Dörfern und Pagoden bewegten sich drei Tuk-Tuks in den Süden von Siem Reap. Nach einiger Zeit befand sich Rakas in Mitten jenes Kaleidoskops kambodschanischen Lebens wieder, welches sich ihr aus dem Flugzeug präsentiert hatte. Unendliche Weiten der Reisfelder entspannten Rakas‘ Augen ebenso wie die vereinzelten, erhabenen Palmen, die das entsättigte Blau des Himmels zierten und die vielen, die Straße säumenden, winzigen Geschäfte sowie auf Stelzen gebaute Hütten, die oft nur aus einem einzigen Raum mit Palmblättern bedeckt bestanden. Kinder spielten oder schliefen in Hängematten, manche von ihnen winkten freudig den vorbeifahrenden Tuk-Tuks zu, Frauen und Mütter verkauften, Männer und Väter reparierten oder werkelten. Die Anfahrt im Tuk-Tuk endete schließlich abrupt bei einem wuchtigen Tor. Dieses markierte den Beginn der Reise in die Welt der Tonlé-Sap-Bewohner. Für Rakas war es der Beginn einer Reise in eine Welt, in der der Betrachtende zum Subjekt erhoben und die Betrachteten zu Objekten degradiert wurden. Die Betrachteten – die Bewohner mit ihren schwimmenden Holzhäusern auf dem Wasser – zählten zu den Ärmsten des Landes. Landbesitz war für sie undenkbar und nicht nötig für ein Leben auf dem See und so lebten sie dem sich ständig verändernden Ufer des Tonlé Sap anpasst. Es war ein täglicher Kampf um Essen, dem nun sämtliche Touristen für eine begrenzte Zeit beiwohnten. Es war ein absurdes Spektakel, welches an Unmenschlichkeit nicht mehr zu überbieten war.

Scharen von Touristen verschiedenster Herkunft wurden in klimatisierten Bussen zum Ufer des Tonlé Sap transportiert, wo sie auf diverse Boote verfrachtet wurden, die sich schließlich langsam auf dem braun schimmernden Wasser über einen der vielen Zuflüsse in Richtung See bewegten. Es herrschte reger Verkehr und so kamen die Boote teilweise nur langsam von der Stelle, was es den Touristen ermöglichte, den Lebensraum der Bewohner des schwimmenden Dorfes mit neugierigen Augen eindringlich zu erkunden und schonungslos fotografisch festzuhalten. Reisende aus aller Welt beobachten kambodschanische Frauen beim Wäsche waschen, Mütter beim Kochen, dünne Kinderkörpern beim Spielen und Baden, Männer beim Fischen und Hunde auf ihrer aussichtslosen Suchen nach Essen – vieles aus nächster Nähe. Zwischen all dem Lebensalltag jener Menschen drängten sich unzählbar viele Boote prall gefüllt mit Touristen aneinander vorbei. Rakas fand sich in Mitten eines Menschenzoos wieder, dem sie mit extremem Unbehagen begegnete. Sie wusste nicht, wohin sie ihre Blicke richten sollte ohne sich als Eindringling in der Welt jener Dorfbewohner zu fühlen, wurde aber dennoch unfreiwillig Zeuge eines unfreiwilligen Schaudorfes. Ihre Kamera lag unberührt auf ihrem Schoss. Die auf dem See schwimmenden ‚Schaukastenbühnen‘, meist in verträumt wirkenden Blautürkistönen, stellten bezaubernde Postkartenmotive dar, daran war nicht zu zweifeln, aber es waren gleichzeitig die Behausungen anderer Menschen in einem harten Überlebenskampf, der überall Spuren hinterließ und Opfer forderte. Was rechtfertigte, täglich Hunderte von Touristen an dem Lebensraum anderer vorbeizuschleusen? Rakas konnte sich dem Gefühl nicht entziehen, dass hier eine Überlegenheit einiger Menschen demonstriert wurde, die anderen beim Überleben zuschauten. Es glich einem kolonialistischen Schauspiel.

Verstärkt näherten sich Fischerboote mit Einheimischen den Touristenbooten. Aus der Ferne beobachtete Rakas, wie ein schmächtiger Junge von einem kleine Boot aus ein Touristenboot erklomm, das Deck dieses erreichte und dort unmittelbar begann, den Rücken eines wohlbeleibten Mannes zu massieren. Dieser genoss die Entspannung kurzzeitig, verscheuchte schließlich den Jungen aber wieder, der ohne Entlohnung zurück auf das Fischerboot seiner Mutter kletterte. Rakas wandte sich ab von dem Massagejungen und seiner Mutter und realisierte, dass ihr Boot den See erreicht hatte. Sie sah sich um. Überall kämpften kleine Fischerboote wie Nussschalen gegen die Wellen der Touristenboote an, um sich den Zuschauern ihres Lebens zu nähern und diesen kalte Getränke sowie Snacks zum Verkauf anzubieten oder aber um Geld zu betteln. In jedem einzelnen dieser unzähligen Fischerboote saß entweder ein Kind auf einem Holzbrett oder aber schlief ein Baby auf dem Schoss der Mutter während diese das undichte Fischerboot paddelnd von der Stelle brachte und gleichzeitig Wasser aus dem voll laufenden Fortbewegungsmittel schöpfte. Jeder einzelnen Frau sah man die enorme Anstrengung an.

Rakas bemerkte, wie sich eine Einheimische abmühte, ihr Fischerboot in Richtung des mit Volontären besetzten Bootes zu steuern. In einer Hand hatte sie ein Paddel, in der anderen die Reste einer Plastikschüssel, mit der sie das Wasser rausschöpfte und auf einem schmalen Holzbrett hinter ihr lag zusammengerollt wie eine Katze ein Kind. Es war ein langer Weg, da das Volontärsboot weit weg der übrigen Boote weilte und die zu bezwingenden Wellen waren kräftezehrend. Wie gerne hätte Rakas die Frau gewarnt, dass es aussichtslos war, sich diesem Boot zu nähern. Alle Volontäre waren mit Getränken versorgt und so waren ihre Anstrengungen vergeblich. Als die Mutter dies schließlich nach mühevoller Anreise realisierte und noch dazu eine unerwartete Welle ihr Fischerboot leicht durchschüttelte, schlug sie unbeherrscht mit dem Ruder auf ihr Kind ein bevor sie verärgert die Rückreise antrat. Rakas erschrak. Sie hatte nicht kommen sehen, dass diese Mutter ihre Aggressionen derart an dem eigenen, unschuldigen Kind auslassen könnte. In diesem Moment realisierte Rakas, wie eng Armut und Gewalt miteinander verknüpft waren. Sie spürte, wie weit unterhalb der Armutsgrenze diese Einheimischen lebten und wie verzweifelt sie dem täglichen Überlebenskampf ausgeliefert waren. Gerne hätte sie jedem Fischerboot sämtliche Getränk abgekauft, hätte sie so verhindern können, dass Eltern ihre Kinder schlugen, grauenvoll mißbrauchten, ihnen Kindheiten raubten und diese benutzten. Zorn und Machtlosigkeit breiteten sich im Inneren von Rakas aus, wüteten dort, stahlen ihr jede Kraft und hinterließen ein Schlachtfeld. Freude empfand sie für den Rest des Tages nicht mehr. Sie war nur noch eine leere Hülle, nicht mehr als körperlich anwesend auf diesem Boot und sehnte sich dem Ende dieses schrecklichen Ausflugsziels entgegen. Auf dem schwimmenden Markt wurde noch gestoppt, um dem Sonnenuntergang beizuwohnen, doch die Schönheit von diesem erreichte Rakas nicht. Zwischen all den Touristen auf einer Plattform der untergehenden Sonne verzückt entgegenzublicken nach all dem, was Rakas hier erlebt und gesehen hatte, schien ihr unmöglich. Es schien ihr perfide. Aus der Ferne beobachtete sie zwei Mädchen, die in Blechschüsseln rund um den schwimmenden Markt ruderten. Für einen Moment erfreute sie sich an den zwei Mädchen, da sie naiverweise annahm, diese würden unbeschwert miteinander spielen. Erst kurze Zeit später erkannte sie, womit diese Mädchen spielten und was Zweck des Ganzen war. Jedes Mädchen hatte eine ungefährliche Wasserschlange um den Hals hängen und verlangte ‚two dollars‘, wenn ein Tourist ein Foto von ihnen machen wollte. Selbstverständlich gab es genügend Touristen, die dem nachkamen und in deren Fotoalben zukünftig Urlaubsbilder mit Schlangenmädchen zu finden waren. Kein einziger Tourist hinterfragte dieses Spektakel oder sorgte sich um die bettelnden Mädchen oder die Wasserschlangen, für die das Leben in einer Blechschüssel eine Tortur bedeutete.

Endlich auf dem Rückweg entdeckte Rakas unzählige Heuschreckenfallen entlang der Straße. Diese bestanden aus einer gespannten weißen, recht großen Folie, an dessen oberen Ende eine Neonröhre leuchtete und an dessen unteren Ende ein Becken mit Wasser gefüllt wartete. Die Heuschrecken sprangen dem hellen Licht entgegen, prallten gegen die Folie, rutschten an dieser herunter und landeten im Wasserbecken, wo sie schließlich von Einheimischen für den Verzehr eingesammelt wurden. Diese Heuschreckenfallen konnte Rakas so schnell nicht vergessen. Jede einzelne erzählte die Geschichte vieler Kinder hier in Kambodscha, die wie kleine Heuschrecken hoffnungsvoll dem Licht gefolgt waren und schließlich einer Welt ausgeliefert waren, die nur Schmerz und Leid für sie bereit hielt. Das Leben war zu einer Falle für sie geworden und so zappelten viele Kinder wie die Heuschrecken im Wasserbecken unterhalb des Lichtes – zwischen Leben und Sterben. Und dann gab es jene Menschen, die am Rande des Wasserbeckens standen und den zappelnden Kindern bei ihrem Überlebenskampf zuschauten. Von diesen Menschen hatte Rakas heute zu viele gesehen.

Eine Antwort auf Tonlé Sap

  1. Danke für diesen wichtigen Bericht! Genau so haben wir es in diesem Frühjahr erlebt! Es war eine grauenvolle Erfahrung, auf die wir nach den Sightseeing-Empfehlungen in den Reiseführern in keiner Weise vorbereitet waren: Menschenverachtend und entwürdigend! Wir waren tief betroffen, beschämt und entsetzt von der Schaulust der Touristen auf dieses grausame Spektakel. Der Profit auf Kosten der Ärmsten ist empörend! Wir können die Bilder der Überlebenskämpfe dieser bedauernswerten Menschen vor unseren Augen, begafft und abgelichtet von tausenden wohlhabender Touristen nicht vergessen.

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