The cold mirror

by Steffi posted 27. März 2012 category Allgemein

Von Siem Reap über Ho Chi Minh City nach Taipeh wurden die Häuser graduell höher, die Dächer farbloser und die Natur bebauter. Etwas in Rakas‘ Magengegend schnürte sich zusammen und krampfte. Was immer hier getan wurde, um den Alltag so angenehm wie möglich zu gestalten, all das war für Rakas zu diesem Zeitpunkt unerträglich. Ein klimatisiertes Wi-Fi-Taxi brachte sie zu ihrem Hotel, wo Kofferträger, Roomservice für jeden erdenklichen Wunsch, 20 verschiedene Lichtquellen in einem einzelnen Zimmer, Bose Sound-System, ‚interactive television system‘, ‚iPod docking stations‘, ‚exclusive pillow menu‘ und gewärmte, sich automatisch öffnende Toilettensitze auf sie warteten. Es waren alles Hilfsmittel, die einen Zustand äußerer Zufriedenheit herstellen sollten, die die Hülle des Körpers umkümmerten. Das Innere wurde hierbei jedoch sträflichst vernachlässigt und blieb unberührt. Zumindest erging es Rakas so. Ihr Innerstes konnte nicht durch einen sich automatisch öffnenden Toilettensitz gewärmt werden, ihre Seele nicht durch jedes noch so bequeme Kissen aus dem ‚pillow menu‘ wohl gebettet werden. Sie saß auf einer Chaiselongue in ihren Hotelzimmer im 24ten Stock und blickte über Taipeh. Sie vermisste Siem Reap. Was war mit ihr passiert? Sie hatte in ihrem Leben bereits kurze Zeit in New York und Tokio gelebt und die Zeit dort sehr genossen. Sie liebte den Rhythmus dieser Städte, die Beschleunigung, die Vielfalt. Eigentlich. Hatte sie sich von 2003 bis 2012 so verändert, dass sie dieser gesamte Überfluss solcher Großstädte jetzt schon fast anwiderte? Sie blickte in einen der vielen Spiegel in ihrem Zimmer. Wie sie es hasste, sich im Spiegel zu betrachten. Waren all diese Spiegel ein Hilfsmittel, um die Selbstbezogenheit jener Menschen zu unterstützen, die sich ein solches Hotel leisten konnten? Wie leicht konnte man alles andere vergessen, wenn man ständig sein eigenes Antlitz betrachtete, wie leicht verdrängen und seinen Blick abwenden, wenn das Bewusstsein Komplize war. War es notwendig, visuell unentwegt auf sein Äußeres zurückgeworfen zu werden? Gab es nicht Wichtigeres als die Reflexion des Körpers? Es war das Wertesystem, welches sich wie eine Seuche durch die Straßen solcher Städte zog, das Rakas die Leichtigkeit raubte. Reizung durch äußere Einflüsse hatte hier Dimensionen angenommen, die ihr Selbst zurückdrängte. Inneres Leben hatte gegen das kontinuierliche, richtungslose Schwirren dieser Städte keinerlei Chance. Auch in Siem Reap passierte viel um Rakas herum. Die ihr noch fremde Welt hielt allerlei Reizungen für sie bereit. Aber diese waren weniger erschlagend und Rakas war vom ersten Moment ein gesunder Teil von ihnen. Dies war hier in Taipeh nicht der Fall. Rakas hoffte, dass die kommenden Tage schnell und schadlos an ihr vorüberziehen würden und verwandelte sich in den Menschen, dem es möglich war, sich an diesem Ort der Dekadenz zu bewegen.

Schon der erste Tag im Fotostudio erschütterte Rakas‘ Weltbild zutiefst. Sie wurde konfrontiert mit 20-jährigen, bildhübschen Taiwanesinnen, die sich bereits mehr Sorgen um ihr äußeres Erscheinungsbild machten als es in jedem beliebigen Alter gesund wäre. Da wurden Nasen und Augen westlichen Schönheitsidealen angepasst, Tränensäcke vergrößert, hohe Wangenknochen künstlich hergestellt, Miniaturfalten unter Augen ausgebügelt, kurz jede Linie und Kante wunderschöner Gesichter vermeintlich ausgebessert. Im Gegensatz zu dem Durchschnittsalter jener Personen, die solche Eingriffe in Europa machen ließen, war dieses hier wesentlich niedriger. Die überwiegend weiblichen Protagonisten dieses krankhaften Dramas um den Schönheitswahn waren zwischen 20 und 30 Jahre alt. Wie konnte eine ganze Generation solch ungesunde Werte leben? Was für zerbrechliche Seelen mussten in all diesen Körpern leben, was für narzistische Monster auf ihrer Oberfläche? Das Streben nach solchen extremen Schönheitsidealen konnte doch nur in beschämender Selbstbezogenheit resultieren. Was für Menschen wuchsen hier heran? War es möglich in diesem ständigen Drang, sein Äußeres zu modellieren noch den Blick für das Wesentliche im Leben zu behalten? Jenseits einer Nase, die möglichst unasiatisch aussehen sollte? War hier ein Mensch mit unmodellierter Nase weniger Wert? Und welchen Wert hatten in so einer Gesellschaft kranke, behinderte, hilfsbedürftige Menschen? Rakas schauderte es. Sie schwankte zwischen Mitleid für diese verzweifelten Kreaturen, die kostspielige und schmerzhafte Schönheitseingriffe über sich ergehen ließen und einem Gefühl von Angewidertsein gegenüber dem Wertesystem jedes einzelnen hier vor ihr stehenden Menschenkindes, das sich sein wunderschönes Gesicht verändern ließ.

Am Abend des ersten Tages saß Rakas in der Sauna des Hotels. Sie war die einzige Person an diesem Ort des Rückzuges, hatte aber dafür allerlei Gedanken, die ihr Gesellschaft leisteten. Diese warteten im Whirlpool auf sie, schwitzen zusammen mit ihr in der Sauna, folgten ihr zur Erfrischung unter die kalte Dusche und quetschten sich neben Rakas auf die Liege, wenn sie zwischen zwei Saunagängen ruhte. Es waren unkontrollierbare Mengen an Gedanken und nachdem Rakas diese weder durch beißende Hitze noch klirrende Kälte in die Flucht schlagen konnte, widmete sie sich zärtlich jedem einzelnen Gedanken und versuchte so, Ordnung in ihr Kopfdurcheinander zu bringen. Während des zweiten Saunaganges, als die Hitze gerade anfing unerträglich zu werden, fand sich Rakas plötzlich meditierend wieder. Sie hatte noch nie das Bedürfnis gehabt, sich ohne Anweisung eines Yogalehrers einer Meditation hinzugeben, aber in jenem Moment war sie dem unbeschreiblichen Drang gefolgt. Es war ein Drang nach innerer Ruhe, nach Kraft und Hilfe. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sich Rakas einem äußeren und inneren Chaos gestellt, in dem sie sich an einen Ort der Leere zurückgezogen hatte. Es war nicht wie sonst eine bedrohliche, verurteilende Leere sondern eine sanftmütige, verständnisvolle Leere, die Trost und gleichzeitig Zuversicht schenkte. Die Hülle von Rakas‘ Körper kämpfte weiterhin gegen die trockene Hitze der Sauna während sich langsam Ruhe im Inneren ausbreitete. Der Staub, den all die Gedanken aufgewirbelt hatten, legte sich und Kraft kehrte zurück. Gestärkt verließ Rakas nach dem dritten Saunagang diesen Ort und legte sich früh schlafen.

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