Puppet of myself

by Steffi posted 8. April 2012 category Allgemein

Zurück in ihrer Welt spürte Rakas die angenehme Abendwärme auf ihrer Haut als sie das Flugzeug verließ und genoss die Luft zum Atmen, die ihren Körper und ihre Gedanken erfrischte. Ein strahlender Motorradfahrer winkte ihr vor dem Flughafengebäude entgegen und schon wenig später saß Rakas samt Gepäck hinter diesem und näherte sich dem Zentrum Siem Reaps. Angenehme Ruhe auf der Straße begrüßte sie und die Weite ringsum entspannte ihre Augen. Der Fahrtwind wehte sanft durch ihre Haare und trug den ein oder anderen lästigen Gedanken ebenso wie damit verbundenen Schmerz unauffällig davon.

Stück für Stück versuchte Rakas das Erlebte und Gefühlte der letzten Woche hinter sich zu lassen. Sie ging an diesem Abend früh zu Bett und ließ sich auch am nächsten Morgen trotz Baustellen-Geräuschkulisse nicht vorzeitig aus dem Schlaf reißen. Der Hunger zwang sie schließlich, ihr Bett und Zimmer zu verlassen. Am liebsten wäre sie an diesem Tag keiner Menschenseele begegnet, was in Thida’s House allerdings nicht möglich war. Bereits kurze Zeit nach Verlassen des eigenen Zufluchtsortes begegnete man der ersten Person, die einen in ein kurzes Gespräch verwickelte. Rakas war keineswegs ein Einsiedler, aber es gab Momente in ihrem Leben, da zog sie das Alleinsein der Gemeinschaft vor. Bereits in Seoul hatte sich Rakas nichts mehr gewünscht, als eine Woche lang nur für sich sein zu können – keine Interaktionen, keine Begegnungen, keine Reflexion ihrer Selbst durch Andere. Sie sehnte sich nach Rückzug von der Welt. Da dies in der Regel nicht möglich war, hatte Rakas bis jetzt noch nie herausfinden können, ob es ihren Zustand bedrohlich verschlechtern würde oder aber Ausweg und Erlösung wäre. Auch hier war dies nicht möglich ohne schrecklichste Hungerqualen zu erleiden und so hatte sich Rakas bereits mit ihrem Schicksal abgefunden. Sie setzte ihre Sonnenbrille auf, um wenigstens ihre Augen verbergen zu können und trat an die Oberfläche. Von Person zu Person, die sich interessiert nach ihrem Aufenthalt in Taipeh und Seoul erkundigte, hangelte sich Rakas zu ihrem Frühstück vor. Seltsamerweise war dies bei Weitem nicht so schlimm wie erwartet, da der Innenhof durch die Hitze an diesem Tag ungewöhnlich leer war. Zwei Volontäre lasen in Hängematten, der Rest hatte Zuflucht in den kälteren Zimmern oder in der Nähe eines Hotelpools gesucht. Rakas genoss ihr Frühstück, später am Tag ihre Früchte und arbeitet bis spät in die Nacht am Video für das Women’s Resource Center. Sie merkte, wie sie langsam zur Ruhe kam und wie gut ihr die Arbeit tat. Als sie im Bett lag und sich gedanklich auf ihren ersten Tag im Grace House vorbereitete, hatte sie das Bild des Hauptgebäudes dieser Organisation vor Augen. Es war ein auf vier Pfählen gebautes Betonhaus. Sie fragte sich, was für ein Fundament sie sich für ihr Lebensgebäude wünschte. Rakas dachte an die prachtvollen, farbenfrohen, kambodschanischen Häuser, deren Betonpfählen vor möglichen Flutkatastrophen schützten und gleichzeitig genügend Widerstand bei starken Windböen boten. Diese Häuser strahlten auf eine bescheidene Art Stärke und Unerschütterlichkeit aus ohne gleichzeitig anmaßend zu wirken. Rakas war sich sicher, dass sie hier an dem richtigen Ort verweilte, um Inspirationen zu bekommen für ihr neu aufzubauendes Lebensgebäude. Sie wußte, dass dies viel Zeit benötigen würde, wenngleich sie nicht wußte, wie und wann sie sich diesem schwierigen Unterfangen widmen sollte. Ohne es zu merken hatte sie bereits begonnen, Stein für Stein ihres Lebensgebäudes sorgfältig abzutragen und von den ersten Fundamenten an neu aufzubauen.

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