Die verlorenen Schritte

by Steffi posted 6. November 2012 category Allgemein

Seit ein paar Tagen träumte Rakas wirr und äußerst lebhaft. Es war, als begegnete sie in ihren Träumen Facetten ihrer Persönlichkeit, die bislang im Verborgenen geruht hatten. Jene Facetten, die unbeachtet blieben, obgleich erahnt wurden, die über die Jahre verloren gegangen waren oder gar bewußt verdrängt wurden. Manche von ihnen überforderten Rakas und so gab es Tage, an denen sie verstört erwachte und sich fragte, ob auch das ein Teil ihrer Persönlichkeit war. Sie hatte Mühe, diese so lebhaft vor ihrem inneren Auge vorbeigezogenen Bilder zu vergessen und erinnerte sich noch Tage später an den ein oder anderen Traum.

An jenem Freitagmorgen der ersten Woche im Grace House erwachte Rakas aus einem Traum wie sie ihn ähnlich bereits einige Male geträumt hatte. Hatte sie sich in den Träumen zuvor von ihrer Familie verabschiedet, so waren es in diesem Traum Freunde, die sie zurückließ. Es waren jedes Mal traurige Abschiede und soweit Rakas sich erinnern konnte, war in allen Träumen der Grund dafür ihre Reise nach Kambodscha. Da sie nun mehrfach ähnliche visuelle Begegnungen in ihren nächtlichen Ruhephasen erlebt hatte, fing Rakas an, diese zu entschlüsseln. Welche ins Unbewußte verdrängten Inhalte, welche Erlebensweisen formten diese Traumgeschehen? Wovon würde sie in der Realität Abschied nehmen oder hatte dies bereits getan? Sie recherchierte ein wenig und fand interessante Traumdeutungen zum Thema Abschiednehmen. Trennung von Personen, Dingen, Einstellungen, Verhaltensweisen und Ansichten, aber auch von Gefühlen, Trennung durch einen neuen Beruf, weil sich die Persönlichkeit entwickelte. Wandlung zu großer Selbständigkeit, Abstand zu eintönigem Alltag, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, ein Hinweis, dass etwas abgeschlossen ist oder bald abgeschlossen werden sollte, ein Bruch mit einem alten Freund oder Bekannten, Symbol der baldigen Änderung des Lebens, Neuanfang. Rakas dachte über Trennungen in ihrem Leben nach. Es fiel ihr schwer, Menschen, die sie eine Zeit lang begleitet oder aber in kürzester Zeit tief ins Herz geschlossen hatte, aus ihrem Leben zu entfernen, um sich von dem Schmerz zu befreien, den diese Menschen neben all dem Guten in ihr Leben brachten. Immer wieder hatte sie dies in ihrem Leben unter großem Kraftaufwand lernen müssen, in jüngster Vergangenheit wieder konzentriert und an diesem Morgen merkte sie, dass auch in naher Zukunft die ein oder andere Trennung auf sie zukommen würde. Eine angenehme Ruhe breitete sich plötzlich in Rakas‘ Gedankenwelt aus, was in Anbetracht des Themas ungewöhnlich war. Es war die Ruhe einer Zuversicht, dass diese Reise neues Licht auf alte Wegbegleiter werfen würde und somit wertvolle Veränderungen hervorbringen würde. Rakas ließ noch eine Weile die verschiedenen Deutungsansätze ihrer Traumerlebnisse setzen und beschloss, sich weiter zu beobachten.

Mittlerweile hatte sie ihr Frühstück eingenommen und richtete sich. Schminke benötigte sie nicht mehr, denn auf dem Weg zum Grace House fuhr sie die meiste Zeit auf einem roten Erdweg entlang und es musste nur ein Pickup, Auto oder Motorrad an ihrem Fahrrad zügig vorbeiziehen und ihr Gesicht ebenso wie gesamter Körper waren umgehend mit einer feinen roten Sandschichte bestaubt. Im Gesicht wirkte es ein wenig wie zart bräunender Puder und so mühte sie sich am Morgen gar nicht mehr, dieses mit anderer farblicher Grundlage zu gestalten. Überhaupt machte sie sich hier nicht besonders große Sorgen um ihr Äußeres, was nicht bedeutete, dass sie ihre äußere Erscheinung vernachlässigte. Sie traf durchaus die nötigen Voraussetzungen, um ansehlich zu bleiben, passte sich dabei aber dem Land und den Menschen in Kambodscha an. Aufwendiges Styling, wie sie dies in der schwedischen Hauptstadt Tag für Tag vorfand, war hier unangebracht. Rakas genoss das.

Bereits verdreckt durch den Fahrradweg kam Rakas im Grace House an. Sie hatte definitiv zu viele weiße T-Shirts mit auf diese Reise genommen, beschloss sie, als sie vom Fahrrad stieg und an sich herunter schaute. Sie entfernte die Schweißperlen von Nase, Stirn und Oberlippe und widmete sich den herumspringenden Kindern, die sich morgens bevorzugt mit einem Stoffband gegenseitig auspeitschten. Das Geräusch, das dieses Stoffband in der Luft machte, war einer knallenden Peitsche recht ähnlich und so erschreckte Rakas jedes Mal. Für das Kind, welches dieses Band abbekam, musste dies ungeheure Schmerzen bedeuten. Doch jedes Mal, wenn Rakas dies den spielenden Kindern gegenüber äußerte, entgegneten diese lächelnd „teacher, no hurt“.

Am heutigen Tag wurde die Klasse, mit der Rakas die nächste Woche den Fotoworkshop machen würde, bereits ein wenig auf den neuen ‚teacher‘ vorbereitet. Da sie wieder nur auf der letzten Bank im Klassenraum sitzend dem Unterricht beiwohnen durfte, beschäftigte sich Rakas in Gedanken mit dem Schnitt ihres Videos und noch zu erledigender Arbeit während eine kambodschanische Lehrerin und ein Volontär aus Wales einen an die Tafel geschriebenen Satz unzählige Male vorlasen und stets erst die gesamte Klasse, dann einzelne Kinder aufforderten, diesen im ‚listen and repeat‘ Modus so lange zu wiederholen bis die Wiedergabe fehlerfrei war. Ein endloses Spiel, was die Sekunden wie Minuten vergingen ließ und Rakas‘ Anwesenheit überflüssig machte. In der zweiten Unterrichtsstunde am Morgen musste die Klasse glücklicherweise selbstständig ein Arbeitsblatt bearbeiteten und so konnte Rakas ab und zu einem Kind helfen, das mit den Worten „teacher teacher“ oder in verkürzter Form „cha cha“ nach Unterstützung verlangte. Das Thema der Woche war ‚me and my body‘ und so mussten die Kinder mit Hilfe eines Buches Fragen zum Körper beantworten. Rakas war überrascht, dass die Kinder jedes Mal die passenden Antworten fanden, indem sie die Texte in dem Buch nach jenen Wörtern absuchten, die in den Fragen auftauchten, dabei aber gar nicht verstehen wollten, worum es überhaupt ging. Es irritierte die Kinder allerdings auch nicht, dass sie eben nichts verstanden und so schrieb jedes von ihnen fleißig die Antworten auf das Arbeitsblatt ohne zu erfahren, wieviel Gesichtsmuskeln der Mensch besaß und wofür das Herz notwendig war. Von Erof, dem Volontär aus Wales, der vor seiner Pensionierung Schulleiter einer Grundschule war, erfuhr Rakas in der Mittagspause allerlei über das Schulsystem in Kambodscha, welches gekennzeichnet war durch mangelhaft ausgestattete Schulen, wenig brauchbares Unterrichtsmaterial, überfüllte Klassen, schlecht ausgebildete Lehrkräfte, fehlende Moral aufgrund niedriger Löhne und skrupellose Korruption. Das führte so weit, dass Lehrer an staatlichen Schulen von Schülern täglich Geld verlangten, wenn diese im Unterricht beachtet und am Ende des Schuljahres versetzt werden wollten. An Universitäten zahlte man entsprechend für gute Noten, kaufte Prüfungsfragen oder gleich gefälschte Zertifikate. Von einem fairen und gleichberechtigten Schulsystem war Kambodscha also noch weit entfernt. Unabhängig davon, wie gewillt ein Kind war, zu lernen – Bildung war hier eine Frage des Geldes. Und dies hatten die meisten Familien nicht, wodurch oft nicht alle Kinder einer Familie zur Schule gehen konnten. Während Söhne Zugang zu Bildung hatten, mussten Töchter oft auf den Feldern helfen. Auf allen Ebenen existierten in Kambodscha zusätzlich private Schulen, die sich allerdings die Mehrzahl der kambodschanischen Familien nicht leisten konnten und somit überwiegend von Kindern westlicher Ausländer besucht wurden. Einzige Bildungsmöglichkeit stellte für viele Kinder in diesem Land somit das Unterrichtsangebot der NGOs dar, die versuchten, die täglichen 3 Stunden Unterricht der staatlichen Schule zu ergänzen, individuell zu fördern und zum Lernen zu motivieren. Zusätzlich zahlten sie jedem Kind die tägliche ‚cash fee‘, die an den Lehrer weiter gegeben wurde.

Rakas dachte darüber nach, dass diese Generation von Kindern, die hier vor ihr saß, die Zukunft Kambodschas darstellte. Es handelte sich um eine Generation, die unter den bildungspolitischen Folgen der Khmer Rouge am meisten zu leiden hatte. Nach ihrer Machtergreifung im Jahr 1975 zerschlug die Khmer Rouge das gesamte Bildungssystem Kambodschas. Sie funktionierte die meisten Schulen um, zerstörte Lehrmaterial und verfolgte systematisch sämtliche Intellektuellen. Rakas erinnerte sich, gelesen zu haben, dass während des Khmer Rouge Regimes ca. 80 Prozent der Erzieher/Lehrer getötet wurden oder flohen, was zur Folge hatte, dass nach dem Sturz der Khmer Rouge im Jahr 1979 der enorme Verlust an Lehrkräften dadurch kompensiert werden musste, dass Menschen mit jeder Art von Bildung als Lehrer eingesetzt wurden. Die Jahre von 1975 bis 1979 wirkten sich verheerend auf die durchschnittliche Bildung der Bevölkerung aus und so spürten die Kinder dieses Landes in der Schule tagtäglich die Folgen jener Zeit.

Während Rakas den Ausführungen über das Schulsystem aufmerksam folgte, beschloss sie, noch am heutigen Nachmittag mit Annemarie, der Leiterin ihrer Organisation zu sprechen, um neben Grace House zukünftig weitere NGOs zu unterstützen. Sie wollte keinen weiteren Tag untätig herumsitzen, während Hilfe und Unterstützung in allen Bereichen vonnöten war. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Für die gesamte Dauer ihres Aufenthaltes in Siem Reap würden fortan freie Tage eine Seltenheit sein.

 

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