Die geklaute Blume

by Steffi posted 29. September 2012 category Allgemein

Der Nebel, der Rakas‘ Gedankenwelt seit ihrem ersten Tag im Grace House eingenommen hatte, war am Ende des dritten Tages verschwunden. Aber nicht, weil sich dieser langsam legte und so enthüllte, was sie gespürt hatte, aber nicht in Worte fassen konnte, sondern weil ein Wirbelsturm unerwartet sämtlichen Nebel weggefegt hatte.

Der Tag hatte noch friedlich begonnen. Rakas war auf dem Weg zum Grace House und fuhr zum dritten Mal bei morgendlicher Hitze zuerst eine Zeit auf einem ziegelroten Erdweg vorbei an kontrastreichen Behausungen. Sie passierte minimal ausgestattete Lebensunterkünfte in Form einfachster Wellblechhütten oder mit Palmblättern bedeckter Holzverschläge ebenso wie gelegentlich herrschaftlich wirkende, großzügig gebaute Häuser und verwitterte Villen mit verrosteten Eingangstoren. Allerlei Straßenverkäufer und kleine Verköstigungsstationen lies Rakas hinter sich bevor sie schließlich kurz nach einem wunderschönen alten Baum inmitten einer saftiggrünen Wiese mit sich erholenden Wasserbüffeln rechts auf die sogenannte Ring Road abbog. Diese durchkreuzte ein sich kilometerweit bis zum Horizont erstreckendes Reisfeldpanorama von einzigartigem Reiz. Blassgrüne Bewässerungskanäle waren hier Werkstätten von fischenden Männern oder aber Vergnügungsort sich erfrischender Kinder, Wasserbüffel arbeiteten oder ruhten, Ochsen grassten während vereinzelte Häuser und Hütten unaufhaltsam vielfältiges kambodschanisches Leben präsentierten. Hier und da streckten Zuckerpalmen in kleinen Gruppen oder alleine stehend ihre markanten, runden Kronen aus bücheligen Blättern gen Himmel und prägten so die Landschaft Kambodschas. Rakas hätte sich keine bezaubernde Kulisse für ihren täglichen Weg zur Arbeit wünschen können. Sie störte sich nicht daran, dass die Ring Road keinerlei Schatten bot und genoss auch dann noch jeden Meter ihres Anfahrtweges, wenn ihr Körper sich nach kurzer Zeit derart erwärmt hatte, dass die ersten Schweißperlen bereits in Rakas‘ Augen brannten. Die einzige Herausforderung für Rakas und ihr altersschwaches Fahrrad boten auf dieser Strecke die improvisierten Brücken in Form klappriger Blechkonstruktionen, die erst steil hoch und dann genauso steil wieder herunter gingen und so die Bewässerungskanäle überspannten. Drei davon beherbergte die Ring Road. Rakas traute diesen Bauwerken nicht besonders, vor allem hatte sie großen Respekt davor, diese zeitgleich mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zu teilen. Denn in diesem Fall wackelte die gesamte Brückenkonstruktion angsteinflößend und die Spalte zwischen den einzelnen Blechplatten, die ohnehin teilweise schon breiter als die Reifen von Rakas‘ Fahrrad waren, weiteten sich abermals. Hinzukam, dass das Geradeausfahren nicht gerade zu Rakas‘ Stärken zählte und so musste sie sich jedes Mal extrem konzentrieren, wenn sie eine der drei Blechkonstruktionen mit ihrem Drahtseil erklomm. Nach erfolgreicher Bezwingung der dritten Brücke musste Rakas scharf links abbiegen. Dieser durch das Gefälle der Linkskurve beschleunigte Fahrtabschnitt war stets verbunden mit einem lautstarken Kratzen ihres nicht einklappbaren Fahrradständers auf dem mittlerweile asphaltierten Straßenbelag. Es erinnerte Rakas jedes Mal an die Metallnadel bei einem Plattenspieler, die die Rille der Schallplatte abtastete und brachte sie allmorgentlich zum Schmunzeln. Die Melodie ihres Fahrradständers in dieser Linkskurve läutete die baldige Ankunft im Grace House ein und so bog sie wenige Minuten später nach einem kleinen Markt rechts auf das Gelände der NGO ab. Ein neuer Tag wartete hier stets mit unvorhersehbaren Ereignissen auf Rakas.

Der heutige Tag im Grace House bedeutete Entgleisung. Emotionale Entgleisung. Nach einem angenehmen Mittag schleuderte Rakas unbändiger Zorn und Verbitterung entgegen, wie ihr beides bisher noch nie im Leben begegnet war. Ausgangspunkt war ein Missverständnis zwischen ihr und Bridget, was Rakas jedoch innerhalb kürzester Zeit erkennen und aufklären konnte. Doch es war schon längst zu spät, um unkontrollierte Wut- und Tränenausbrüche auf Seiten der Grace House Leiterin abzuwenden. Rakas war überfordert und zugleich irritiert. In einem Land, in dem es das oberste Gebot war, das Gesicht zu wahren, wurde Rakas inmitten aller Grace House Kinder grundlos angeschrien. Nachdem sie merkte, dass ihre Bemühungen, das Missverständnis aufzuklären und sich ihrerseits zu erklären, vergeblich waren, resignierte sie und verbrachte den Nachmittag wie von ihr verlangt im Verkaufsladen der Organisation. Da dort keinerlei Touristen erschienen, um durch den Kauf von Webereiprodukten Grace House zu unterstützen, saß Rakas regungslos und mit leerem Blick auf der Treppe in der Sonne. Eine unerträgliche Kälte hatte sich als Folge des soeben Erlebten in ihrem gesamten Körper ausgebreitet und so überlies sie diesen zusammen mit allerlei erhitztem Gedankengut der brütenden Nachmittagssonne Siem Reaps. Die Wärme entfaltete mit der Zeit ihre Wirkung und so wurde Rakas‘ Blick allmählich wieder lebendiger. Eine Mutter mit ihren zwei Töchtern, die bäuchlings auf dem Steinboden des Ladens schliefen, konnten Rakas‘ Aufmerksamkeit schließlich gänzlich für sich gewinnen und so beobachte sie diese zärtlich während sie darüber nachdachte, wie hart das Leben manche Existenzen bettete. Ihr Tag im Grace House neigte sich dem Ende und schon wenige Stunden später beschloss Rakas, sich der herankriechenden Müdigkeit zu stellen. Es schien ihr, als wäre sie nach all dem Erlebten zu keinerlei kreativer Arbeit mehr in der Lage und so hegte sie die Hoffnung, dass ein früher Tagesbeginn und frischer Geist Fruchtbares hervorbringen würde. Sie stellte den Wecker und starrte an die Decke. Es war unerträglich heiß in ihrem Zimmer und so beschloss sie, heute den Ventilator über Nacht auf maximaler Stufe zu lassen ungeachtet des Geräuchpegels, der damit verbunden war. Doch auch das half nicht. Sie schwitze. Egal wie sie sich hinlegte, die Körperfläche, die das Bett berührte war innerhalb kürzester Zeit nass geschwitzt. Alles klebte an ihr. Der Matratzenbezug klebte an ihr, der gesamte Tag klebte an ihr, die Trümmer des Zusammentreffens mit Bridget, allerlei Irritationen. Sie wünschte sich einen Bergbach, der Körper und Geist erfrischen würde, der schlechte Gedanken hinfort tragen würde und einen beruhigten Geist zurücklassen würde. Sie hoffte auf die reinigende Wirkung des Schlafes. Während Rakas noch ein wenig nachdachte, merkte sie, dass sie sehr schläfrig wurde. Bereits kurze Zeit später träumte Rakas lebhaft.

Am nächsten Morgen erwachte sie das erste Mal in Kambodscha mit extrem schlechter Laune. Sie schlürfte ins Bad, richtete sich so gut es ihre Unlust zuließ und hoffte auf den nötigen Motivationsschub durch ihr Frühstück. Als sie in die Küche trat, um ihr Frühstück in Auftrag zu geben, war dort niemand anzutreffen. Stattdessen lag der Mülleimer umgekippt auf dem Boden und ein Teil des Inhaltes war in der gesamten Küche verteilt. Genauso wie die hier vorgefundene Küche fühlte sich Rakas an diesem Morgen. Sie fühlte sich als hätte in der Nacht ein Tier in ihrem Inneren gewütet, sorgfältig in Schubladen Weggesperrtes hervorgewühlt und in ihrer gesamten Gefühlswelt verteilt. Auf dem Weg von ihrem Bett zum Badezimmer, schließlich zur Küche und Hängematte stolperte sie unentwegt über unangenehme Dinge, die plötzlich in ihrem Inneren herumlagen. Es waren kleine Hindernisse, die sie traurig machten, welche die schmerzten, die sie lieber verdrängen wollte. Rakas war in keinem guten Zustand. Sie verkorch sich in ihren Texten und wartet bis jemand in der Küche auftauchte, den Müll wieder zusammenfegte und entsorgte. In ihrer Gefühlswelt war auch Rakas damit beschäftigt, ihr Aufgewühltes und überall Verteiltes sorgfältig in einzelne Schubladen zurückzusortieren, diese sicher abzuschließen und sich dann mit dem mittlerweile aufgetauchten Frühstück etwas zu stärken. Von Stärkung war schließlich nichts mehr zu spüren, als Rakas nach Ankunft im Grace House realisierte, dass ein weiterer Tag untätiges Rumsitzen und überflüssige Anwesenheit auf sie wartete. Zeit war diese Woche kostbar, da das Video für das Women’s Resource Center bis zum International Women’s Day am 8. März fertiggestellt werden musste. Das war in weniger als einer Woche. Rakas hatte Bridget um Verständnis gebeten, dass sie gerne jede freie Minute dem Schnitt des Videos widmen würde. Doch die Leiterin der Organisation hatte es für notwendig empfunden, drei Kindern mit vier Erwachsenen zu betreuen und so übte sich Rakas einen weiteren Tag äußerlich in Selbstbeherrschung während ihre Gedanken allerlei Beherrschung verloren.

 

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